Nora Flückiger: Wir müssen versuchen, unsere Hunde zu verstehen, und sie nicht dafür zu verurteilen, wenn sie mit unserer modernen Gesellschaft und dem Zusammenleben auf engstem Raum überfordert sind, sondern ihnen helfen, sich in unserer Welt zurechtzufinden.
Nora Flückiger
Wenn ich mich ganz kurz beschreiben müsste, würde ich wohl sagen: Tiernärrin (insbesondere Hunde), ist chronisch zwei Minuten zu spät, kann nicht nein sagen und daher in der Regel völlig überlastet, was man mir aber in der Regel nicht anmerkt. Wie sonst würde sich erklären lassen, dass ich zwei Hunde, ein Pferd, drei (manchmal und je nach Zählweise auch vier) Jobs und zwei (bis vor 6 Wochen noch drei) Studien habe?
Daneben hätte ich auch noch „normale“ Interessen wie Lesen (ich kann mich nur gerade nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch in der Hand hatte, das nichts mit Hunden, Jus oder Geschichte zu tun hatte – aber in den dunklen Tiefen meiner Erinnerung meine ich zu glauben einmal gern gelesen zu haben), Volleyball (obwohl ich damit offiziell ja aufgehört habe – aber das „ichkannnichtneinsagen“ stand da leider etwas im Weg), ins Kino gehen, Freunde treffen, Gitarre spielen usw.
Die meiste Zeit nehmen jedoch wohl mein Islandpferd Nordri und meine Hunde Freeby und Nyell in Anspruch. Dabei war unsere Familie nie sehr tierbegeistert. Meine Schwester Anne und ich mussten schon um die ersten Meerschweinchen und Katzen kämpfen, meine Mäuse hab ich mir sogar heimlich angeschafft. Erst mit der Volljährigkeit ist es mir dann gelungen erst ein Pferd und dann einen Hund (obwohl das wohl eher den Bitten unseres kleinen Bruders zu verdanken ist) in mein Leben zu holen. Im Frühling 2011 ist dann noch die dritte im Bunde, der schwarze Wirbelwind Nyell, dazu gestossen.
Nordri arbeitet als Therapiepferd in einem therapeutischen Pferdeprojekt, das er sein Zuhause nennen darf und wo er sich mit seinen drei anderen Isifreunden rund um wohl fühlt. Daher bin ich sozusagen seine Freizeitbeschäftigung.
Freeby (Freeman of the Green Parrots) ist ein Aussie mit einem guten Einschlag Arbeitslinie, was sich zunächst in seinem Äusseren manifestiert. Für das übliche Aussie-Schönheitslinie-Bild ist er etwas zu gross, etwas zu schmal und etwas zu wenig behaart - darum genau perfekt und wunderschön! Er ist ein red merle mit einem blauen und einem braunen Auge (was immer wieder zu dem seltsamen Kommentar führt: "Guck mal, der hat zwei Augen?" Ja tatsächlich!). Mit ihm durfte ich meine ersten Hundeerfahrungen sammeln und er war und ist ein guter, aber strenger Lehrer. Denn charakterlich ist Freeby ein unglaublich intelligenter und sensibler Hund, der Druck (wie fast alle Aussies) recht schlecht verträgt. Dann stellt er auf stur, klappt seine Stehohren zurück und macht selber. Nachdem wir daher unsere Grundausbildung auf dem klassischen Weg eines KVs absolviert haben, hat Freeby mir mit gut einem Jahr deutlich gezeigt, dass er sich mehr wünscht als Sitz und Platz. Bei Myria haben wir dann unsere Ausbildung in alle erdenklichen Richtungen erweitern dürfen und uns von ihrer Begeisterung für einen gewaltfreien, harmonischen Umgang mit dem Hund und Lernen durch positive Bestärkung anstecken lassen. So ist es gekommen, dass ich Bücher und DVDs zu allen erdenklichen Hundethemen verschlungen und Seminare besucht habe und vor ungefähr zwei Jahren erste Praktika bei Myria absolvieren durfte, die seit Sommer 2011 schliesslich in das Leiten einiger Agility-Kurse im Hundewerk mündeten.
Mit Freeby zusammen habe ich alle erdenklichen Hundesportarten entdeckt und ausprobiert; so Fährtenarbeit, Mantrailing, Dummy-Arbeit, Flyball, Treibball, Clickern und anderes. Auch meine Agility-Freude hat Freeby geweckt. Mit ihm habe ich während zwei Jahren trainiert und sogar eine (sehr) kurze, aufgrund überschäumender Nervosität wieder abgebrochene, Wettkampfkarriere gestartet. Seit klar ist, dass er eine ganz leichte Verschiebung an der Hüfte hat und Agility nicht das Beste ist für ihn, beschränkt sich nun meine Agilitybegeisterung auf die Zuschauertribünen unzähliger Turniere in der Schweiz und im Ausland, persönliche Weiterbildung und die Trainertätigkeit im Hundewerk.
Nachdem Freeby mit vier Jahren an einem Punkt angekommen ist, in dem er nicht nur mit mir super harmoniert, sondern auch ein gutes Vorbild sein kann, habe ich mich im Sommer 2010 entschlossen, dass ein Zweithund unseren Alltag aufmischen sollte. Im Februar 2011 kam also mit neuneinhalb Wochen Nyell zu uns, eine Mudi-Hündin, pechschwarz, kleine Kippöhrchen und „Chriesi“-Augen, direkt aus Budapest. Von der ersten Minute war sie so richtig mein Hund – anhänglich, liebesbedürftig und suchte immer wieder Schutz zwischen meinen Beinen. Kelemes Nyugalom, ihr eigentlicher Name, ist ungarisch und bedeutet "Erfreuliche Ruhe". Dem Namen wird die Kleine leider nur im Haus gerecht und auch dort nicht immer. Nyells Schwierigkeiten liegen im Umgang mit Fremden, seien es Hunde, die sie nicht kennt, oder Menschen (erstaunlicher Weise nicht grundsätzlich ungewöhnliche Gesamtsituationen, die ja für andere Hunde oft schwierig sind). Dabei ist sie schnell unsicher und überfordert und neigt zu starkem Abwehrverhalten. Unsere Arbeit beschränkt sich daher im Moment auf Sozialisation und das Erarbeiten von Ruhe und Ausgeglichenheit. Nyell stellt mich damit vor so gänzlich andere Herausforderungen als Freeby dies getan hat und noch heute tut. Gerade diese Unterschiede sind es jedoch, die bei mir ein breites Verständnis für viele verschiedene Arten von Hunden und ihre Halter gefördert und den Wunsch geweckt haben, eine Ausbildung zur Hundeverhaltenstrainerin zu absolvieren. Daher habe ich nach dem Abschluss meines Jura-Studiums im Mai 2011 neben meinem Geschichtsstudium und meiner Tätigkeit als Rechtspraktikantin mit der ATN Ausbildung zur Hundeverhaltenstrainerin begonnen, die ich hoffentlich bis im Herbst / Winter 2012 abschliessen werde. Daneben habe ich zur Zeit die Möglichkeit, im Hundewerk den einen oder andern Kurs zu leiten oder zu unterstützen und so meinen Erfahrungsschatz laufend zu erweitern.
Mein Ziel wäre es, Menschen im Umgang mit ihren Hunden zu unterstützen und ihnen das Gefühl der Freude am eigenen Hund zu vermitteln. Die Arbeit mit dem Hund sollte Spass machen und uns vor Augen führen, was für einen besonderen Begleiter wir da an unserer Seite haben - auch wenn wir immer wieder mit Problemen und schwierigen Situationen konfrontiert sind. Eine Hundetrainerin sollte versuchen, den Menschen einen oder mehrere mögliche Auswege aus ihren Problemen mit dem Hund zu zeigen und das gegenseitige Verständnis und die Freude am gemeinsamen Lernen und Arbeiten fördern. Wir müssen versuchen, unsere Hunde zu verstehen, und sie nicht dafür zu verurteilen, wenn sie mit unserer modernen Gesellschaft und dem Zusammenleben auf engstem Raum überfordert sind, sondern ihnen helfen, sich in unserer Welt zurechtzufinden.